Der Alltag. Er hat auch hier ziemlich schnell Einzug gehalten.
Der Tag beginnt auch in der südlichen Hemisphäre mit dem lästigen Wecker, dessen Wiederholfunktion ich immer noch sehr zu schätzen weiß. Die erste Telefonkonferenz nach Deutschland mit Torsten begleitet Frühstück und Zähneputzen. Dann, immer zu spät, geht die Reise los in Richtung Bayswater, zur Siemens Landesgesellschaft. Das ist ein so genannter Stadtteil von Melbourne, ungefähr 25 km von mir weg. Klingt nicht schlimm – ist es aber. Der Verkehr in Melbourne ist einfach fürchterlich. Ihr müsst euch das so vorstellen: zweispurige Straße, rechte Spur – Parkspur, linke Spur – Tram. Nun könnte man sich fragen, wo man dann als Autofahrer bleibt. Die Lösung ist einfach, aber extrem nervig. Man fädelt sich schön hinter der Tram ein. Die Yarra Trams haben leider die Angewohnheit, alle 100m zu halten. Einmal vor der Kreuzung, einmal dahinter. Manche Stationen sind so dicht beieinander, dass das Ende des Zuges noch nicht abgefahren ist, der Vorderteil aber schon an der nächsten Haltestelle steht. Ist man Passagier in den Zügen, findet man es furchtbar gemütlich (wenn man Zeit hat), ist man Autofahrer, entwickeln sich ungekannte Hassgefühle und ich schimpfe vor mich hin wie so ein Rohrspatz, auf Deutsch und auf Englisch. Und das schon morgens um acht. Einziger Vorteil: ich kann ausgiebigst meine Lieblingsradiosendung verfolgen, Two Women and a Metro, 101.1. Ein kleiner Lichtblick zwischen den grauen Wolken in meinem Kopf. Ich bin am Ende jeden Morgens also um Jahre gealtert aber wenigstens bestens informiert. Nachdem die High Street mit dieser beschriebenen Verkehrsführung (und unzähligen Brautmodeläden, die wenigstens schön was zum Schauen im Stau bieten und seit diesem Wochenende auch endlich neu dekoriert haben) nach ungefähr einer halben Stunde hinter mir liegt (und damit auch die ersten 7km meiner Reise), biege ich ein auf die Summerhill Road. Die hab ich mir ausgesucht, weil sie keine einzige Ampel hat. Sie ist ungefähr 800m lang. Eine dermaßen lange Strecke ohne Ampel ist etwas Besonderes, auf meinem Arbeitsweg befinden sich nämlich in Summe 52 davon. Auf dem Burwood Highway sollte es dann schneller gehen, man befindet sich ja schließlich auf dem australischen Äquivalent zur Autobahn. Ich verweise auf die oben beschriebene Verkehrssituation. Anderer Name, gleiches Spiel. Meine Nerven. Dazu ist man als deutscher Autofahrer auch deutlich anderen Fahrstil gewohnt als der Australier. Gelassen läufts….. grrrrr! Durch alle 40km/h Zonen an den Schulen hindurch (in denen Aufpasser in gelben Warnwesten wie wild auf Ampel-Fußgängerknöpfe drücken, damit die Kleinen und alle anderen potentiell gefährdeten Mitmenschen auch wohlbehalten an der Schulbank und beim Frisör ankommen). Endlich, nach einer knappen Stunde. Das Ortsschild verkündet: Welcome to Bayswater, Neighbourhood Shopping at its best! Wenn man gerne Autoreifen, Bremsbeläge oder Farbeimer kauft, dann ist man in diesem Ort richtig. Am Ortsausgang in Richtung Dandenong Nationalpark trifft man dann auf bekannte Gebäude.
Ich bin wieder bei den zentralen Finanzen gelandet, im Controlling. Wir machen dort genau das Gleiche, was wir damals bei Com in München für die Zentralen gemacht haben. Zentrales Ergebnis, Bilanz und Cashflow, aber für alle Zentralabteilungen und längst nicht so organisiert. Weil ich das schon so gut kenne, konnte ich gleich richtig mitmachen und tatsächlich das Ein oder Andere aus Deutschland verwenden, denn diese Abteilung existiert hier noch gar nicht lange. Generell bin ich erstaunt über die Hemdsärmeligkeit in der täglichen Arbeit. Aber so ist das wohl, wenn man nur einen Bruchteil an Ressourcen zur Verfügung hat und täglich neue Abfragen aus Deutschland eintreffen. Wenn ich noch einmal eine email von Remaining Business auf den Tisch kriege, oder Abfragen von Corporate Communications …. (mit den besten Grüßen an meine lieben ehemaligen Kollegen). Wir sitzen viel weniger in Meetings als in der Heimat und mühen uns mehr mit SAP und Excel. Ich kann viel lernen und habe auch Glück mit meiner Chefin und meinen Kollegen. Meine Chefin ist der Überzeugung, ich solle in dem Jahr möglichst viel sehen und mitnehmen. Ich werde also überall mit hingeschleppt, werde überall vorgestellt, darf mir alles anschauen und mitwerkeln und konnte sogar schon Vorstellungsgespräche von der anderen Seite des Tisches führen. Kann mich überhaupt Null beklagen. Wenn ich in Urlaub gehe, weiß der halbe Laden irgendwie, wo ich bin und will hinterher Bilder sehen. Verrückt! Letzte Woche hatte ich mein australisches Mitarbeiter-Feedback Gespräch (EFA). Damit hatte ich nicht gerechnet, aber umso mehr hat es mich gefreut.
Unser Team besteht aus einer Australierin (meine Chefin Roz), einem Kroaten (Ken), einem Singapuri (Wenig Kee) und einem Sri Lankaner (Ravi). Dazu noch eine Chilenin (Marcella) und diverse Deutsche. Es ist ein lustiges Sprachen- und Kulturwirrwarr in diesem Haufen!
Um 12 Uhr, da kann ich meine Uhr nach stellen, stehen Barry und Stefan vor meinem Tisch mit hungrigen Mägen. Auf zu Werner’s, der Kantine und Café auf dem Standort. Dort trifft man sich zunächst einmal noch mit weiteren bekannten Gesichtern an den Mikrowellen in der Siemens Musterküche. Das Essen in der Kantine ist zwar gut, aber ganz schön fettig. Also stelle ich mich hin und koche vor. Fleißig in Armen-Tupper abgefüllt und aufgewärmt. Während des Essens bemühen sich meine Kollegen, mir alle australischen Feinheiten des Lebens beizubringen (wir sind im Moment gerade bei den Cricketregeln, das dauert etwas länger). Es folgt das Quiz des Tages aus der Tageszeitung von Thelma, allgemeiner Tratsch und Klatsch sowie meine Reiseplanungen und die Stunde Nichtstun ist viel zu schnell vorbei, besonders wenn man sie nun draußen bei herrlichen Temperaturen genießen kann. Zurück im Gänsemarsch. Noch ein bisschen Termine, emails und telefonieren, ein bisschen Exceltapeten entwerfen, endlich mit Deutschland telefonieren und bekannt geben, man könne unmöglich die gesetzten Termine einhalten und schon ist Feierabend. Wobei das auch erst seit ungefähr vier Wochen so ist. Die ersten Monate hatten wir unglaublich viel zu tun mit Budgetrunden, SLA Verhandlungen, Siemens Neuorganisation und und und. Jede Hand wurde gebraucht, so dass ich meistens nicht vor 19:00 und später das Schiff verlassen konnte. Wie gut, dass ich bei mir um die Ecke einen Supermarkt mit rund-um-die-Uhr-Öffnungszeiten hab. Mittlerweile ist es ruhiger geworden und ich habe auch etwas von meiner deutschen Arbeitsweise in einer Schublade versteckt. Ansonsten kann man nämlich auch schnell durchdrehen, mit der australischen Einstellung „no worries“. So habe ich nun auch kein besonders schlechtes Gewissen mehr, wenn ich um fünf die Kiste ausmache und gen Heimat düse. Die Arbeitszeit nehmen die Australier sehr genau und sind auch furchtbar emsig, aber nur von 8:30-17:00. Dann ist der Krieg schnell vorbei. Dafür haben alle ein Privatleben und das ist ihnen wichtig. Eigentlich eine schöne Einstellung.
Einmal im Quartal wird mittags gemeinsam gegrillt und jeden Freitag gibt’s ab fünf Feierabendbier. Die Chefs der Landesgesellschaft sind sehr präsent und jederzeit ansprechbar. Sie sind offen und diskutieren gerne. Es macht einfach Spaß, in einer kleineren Organisation zu arbeiten, in der fast jeder jeden kennt.
Nach Feierabend gehe ich manchmal mit meinen Kollegen noch in den Dandenong Nationalpark, ein wenig Sport machen, wir spielen Fußball in einer Mädelsgruppe oder ich renne um den See im Albert Park. Ansonsten lädt der Balkon ein zum Entspannen und die Innenstadt für diverse andere Aktivitäten. Donnerstags sind die Geschäfte alle lange offen. An anderen Tagen ist um fünf auch dort Schicht im Schacht. Auch oft ausgeübte Freizeitbeschäftigung: Wäsche waschen (das ist in meiner australischen Top-Lader Maschine eine ganz schöne Prozedur, die aufwandsmäßig dem frühzeitlichen Waschbrett sehr nahe kommt. Aber mittlerweile weiß ich, welche Zusätze und welche Einweichdauer welche Wäsche braucht, so dass ich das Gefühl hab, es wird ein bisschen sauberer. Aber wer mich ein bisschen besser kennt, der weiß, wie sehr ich meine wertvolle Siemenswaschmaschine vermisse... *Torstenhabsieseelig*), putzen, einkaufen, bügeln und nach Hause telefonieren. Der Alltag.
Und dann geht ein Tag am anderen Ende der Welt viel zu schnell zu Ende und Anke kriecht in ihr Bett. Wenn ich Glück hab, dann bin ich vor meinem schnarchenden Nachbarn in der Falle. Dank der Pappbauweise und der Einfachverglasung ist meine Wohnung nicht gerade leise und meine Nachbarn sind sehr nachtaktiv. Wenn nicht geschnarcht wird, dann gestritten (mit Vorliebe um 4:30 morgens) und wenn sie nicht streiten, dann kommt garantiert der Müllwagen vorgefahren oder aber die Bauarbeiter auf der Baustelle gegenüber beginnen ihren Arbeitstag mit Kranaufstellen und Gejohle. Herrje. Wie gut, dass es Oropax gibt.
Der nächste Tag beginnt auch in der südlichen Hemisphäre mit dem lästigen Wecker…
Feierabendgrüße an diesem Montag aus Australien von Eurer Änk.
PS: Manchmal hab ich Glück und es bietet sich mir folgendes Bild zum Frühstück:
Einmal im Quartal wird mittags gemeinsam gegrillt und jeden Freitag gibt’s ab fünf Feierabendbier. Die Chefs der Landesgesellschaft sind sehr präsent und jederzeit ansprechbar. Sie sind offen und diskutieren gerne. Es macht einfach Spaß, in einer kleineren Organisation zu arbeiten, in der fast jeder jeden kennt.
Nach Feierabend gehe ich manchmal mit meinen Kollegen noch in den Dandenong Nationalpark, ein wenig Sport machen, wir spielen Fußball in einer Mädelsgruppe oder ich renne um den See im Albert Park. Ansonsten lädt der Balkon ein zum Entspannen und die Innenstadt für diverse andere Aktivitäten. Donnerstags sind die Geschäfte alle lange offen. An anderen Tagen ist um fünf auch dort Schicht im Schacht. Auch oft ausgeübte Freizeitbeschäftigung: Wäsche waschen (das ist in meiner australischen Top-Lader Maschine eine ganz schöne Prozedur, die aufwandsmäßig dem frühzeitlichen Waschbrett sehr nahe kommt. Aber mittlerweile weiß ich, welche Zusätze und welche Einweichdauer welche Wäsche braucht, so dass ich das Gefühl hab, es wird ein bisschen sauberer. Aber wer mich ein bisschen besser kennt, der weiß, wie sehr ich meine wertvolle Siemenswaschmaschine vermisse... *Torstenhabsieseelig*), putzen, einkaufen, bügeln und nach Hause telefonieren. Der Alltag.
Und dann geht ein Tag am anderen Ende der Welt viel zu schnell zu Ende und Anke kriecht in ihr Bett. Wenn ich Glück hab, dann bin ich vor meinem schnarchenden Nachbarn in der Falle. Dank der Pappbauweise und der Einfachverglasung ist meine Wohnung nicht gerade leise und meine Nachbarn sind sehr nachtaktiv. Wenn nicht geschnarcht wird, dann gestritten (mit Vorliebe um 4:30 morgens) und wenn sie nicht streiten, dann kommt garantiert der Müllwagen vorgefahren oder aber die Bauarbeiter auf der Baustelle gegenüber beginnen ihren Arbeitstag mit Kranaufstellen und Gejohle. Herrje. Wie gut, dass es Oropax gibt.
Der nächste Tag beginnt auch in der südlichen Hemisphäre mit dem lästigen Wecker…
Feierabendgrüße an diesem Montag aus Australien von Eurer Änk.
PS: Manchmal hab ich Glück und es bietet sich mir folgendes Bild zum Frühstück:
Das Wochenende klang gemütlich aus bei Kaffee an der herrlichen Küste. Was geht’s uns gut hier, fernab von Stress und Hektik! Und genau das hoffe ich von Euch allen auch.