Montag, 16. Februar 2009

Bushfires

Meine Woche auf dem alten Kontinent war geprägt von ungewöhnlich vielen Nachrichten vom fünften Kontinent: hier brachen nach Wochen der Hitze im südlichen Bundesstaat Victoria die verheerendsten Waldbrände (auf englisch harmlos bushfires genannt) in der Geschichte Australiens aus - während die Menschen im tropischen Queensland mit Wassermassen und Überflutungen zu kämpfen hatten. Immer wieder rief ich in der Wahlheimat an, um zu erfahren, wie es den Kollegen und Freunden erging, waren doch die in den Medien genannten Ortschaften verdächtig dicht am Siemensstandort und zu viele davon hatte ich als wunderschöne Wochenendziele besucht. So landete ich gestern abend mit gemischten Gefühlen in Melbourne: einerseits Freude über die Wiederkehr, andererseits auch Bange vor dem, was mich auf der Arbeit an Geschichten erwarten würde. Je näher wir heute morgen an Bayswater heran kamen, um so dichter wurde die dunkle Qualmwolke, die sich über uns legte. Beim Ausstieg hatte ich das Gefühl eines Lagerfeuers, was ich auch den ganzen Tag über selbst im Büro nicht los wurde.

Ein paar Blicke in die Gesichter meiner Kollegen und man konnte die Anspannung sehen, mit der sie seit Tagen leben. Angst, im Schlaf von der Feuersbrunst überrascht zu werden. Angst, keine Zeit zu haben, das nackte Leben und das der Kinder zu retten. Der nationale Feuerplan half bei dieser Katastrophe nicht, denn er besagt, dass man so lange im Haus bleiben soll, bis die Feuerwalze vorrüber gezogen ist. Selbst wenn die Hütte schon brennt. Dieses Mal jedoch trug der der starke Wind die Funken kilometerweit vor sich her und setzte die ausgedörrte Landschaft im Nu in Brand. Menschen flüchteten sich in Panik in die Badewanne - und verbrühten. Das Feuer erreichte Temperaturen von bis zu 1.200 Grad Celsius. Die Feuerwehrleute sind machtlos - welches Gerät soll dem standhalten? Alles, was sie tun können, ist die Häuser zu löschen, nachdem sie niedergebrannt sind. Meine Kollegen sind auch im Einsatz, teilweise vier Tage hintereinander. Was sie sehen, lässt sie nicht wieder los. Und das Schlimmste steht noch bevor: was ist mit all den Toten, die bisher keiner identifizieren möchte/kann? Über das Land rollt eine große Welle der Hilfsbereitschaft. Bei Siemens werden Kleidung und Spielzeug gesammelt, ehrenamtliche Helfer braten Würstchen oder hören einfach nur zu.

Falls man etwas tun möchte, ruft das australische Rote Kreuz unter
https://www.redcross.org.au/Donations/onlineDonations.asp
zu Spenden auf.

Um euch zu verdeutlichen, wie nahe diese im Fernsehen so weit weg erscheinenden Orte sind, hier ein paar Beispiele, die euch aus meinen vorherigen Berichten bekannt vorkommen:
In Kinglake, nordöstlich der Stadt, hatten wir im Oktober die wilden Orchideen gesucht und bestaunt. Verbrannt.
Hinter dem malerischen Marysville beginnen die Snowfields von Victoria. Verbrannt.
In Yarra Glenn haben wir den Melbourne Cup verfolgt. Verbrannt.

Die Cathedral Ranges im Wilsons Prom, mit der Sealers Cove im Hintergrund, an deren herrlich weissem Strand wir picknickten. Verbrannt.
Im Yarra Valley war ich zuletzt mit Mama und Papa gewesen und hatte die schönen Weinberge kurz vor der Ernte, die Güter und herrliche Landschaft genossen. Auch hier sind viele Teile verbrannt, die Ernte ist zerstört.
Im Healesville Sanctuary hatte ich viele australische Tiere kennen gelernt, die nun aus Angst vor Panik evakuiert wurden. Teile des Ortes sind Geschichte. Verbrannt.
Das Haus meiner Chefin mit dem wunderschönen Ausblick über das Tal - die Feuerfront kam 5km entfernt zum Stillstand, weil der Wind endlich abdrehte.
Ascheregen in der Stadt, glutroter Himmel.
Und schließlich heute nachmittag bei Feierabend werfen wir einen angstvollen Blick in Richtung
Dandenongs, das Naherholungsgebiet gleich hinter Siemens, in denen meine Kollegin Sam vor zwei Wochen noch ihre Hochzeit feierte. Dunkle Rauchschwaden verhüllen den Gipfel, dazwischen einzelne helle Flammen. Der Eukalyptuswald brennt.
Kollegen haben ihre Häuser verloren, manch einer besitzt nur noch das, was er am Leib trägt. Kinder verloren Schulfreunde. Ganze Familien starben bei dem Versuch, ihre Existenz zu retten. Und das alles keine 30km entfernt von meinem Arbeitsplatz, wie Antonia heute bedrückt bemerkte. So nah.

Und dann die fast komisch erscheinenden Meldungen von Überschwemmungen aus Ingham in Queensland. Das ist auch Australien. Dieses Land ist so unvorstellbar riesig, dass man die Hektoliter nicht mal eben per Schlauch von einem Ende ins 3.000km entfernte Flammeninferno pumpt. Und diese Überflutung führt dann zu einem weiteren Notstand auf Schicht:

Es ist ein verrücktes Leben in Down Under. So viel kann ich berichten.
Eure Änk.

1 Kommentar:

Julchen hat gesagt…

Wenn ich das mit deinen Worten lese, läuft es mir eiskalt den Rücken runter, wenn man dazu weiss wie es dort normal ausschaut.
Kann leider nichts spenden, geht irgendwie nur für Leute die in Australien sind. Magst du das für mich machen und ich überweise es dir?
Julchen