Freitag abend, Melbourne, 19:00 Uhr, 15 Grad, es regnet in Bind-oder Wollfäden, sehr windig. Nina, Troy, Steffi und Anke brechen auf, auf unsere lang geplante Wanderung durch den Wilsons Promontory Nationalpark, dem südlichsten Zipfel vom australischen Festland. Grundsätzlich hatte ich den Park mit seinen Einwohnern schonmal am Anfang meiner Zeit besucht (ich verweise auf entsprechende Bilder und Berichte weiter vorne). Nach einem halben Jahr Australien hatte man mich nun soweit: Anke geht wandern und zelten übernacht. Juhu. Die schönsten Strände Victorias erschließen sich nur so, sagt mein Reisefuehrer (und Kolle

gen). Wie oben beschrieben, war das Wetter so, wie ich es mir ungefähr vorstellte. In trockenen 10 Minuten bauten wir in Tidal River nachts um halb zwölf unsere zwei Zelte auf. Huch, das geht schnell! Und leicht! Wow. Erstaunen. Nach einer kalten Nacht erwachte ich von rupfenden Geraeuschen links neben meinem Ohr: ein Wombat beim Frühstück. Klamm und kalt frühstückten wir Porridge mit Wasser, umgeben von nervenden Rosellas, und beratschlagten, was z tun sei. Bleiben und laufen oder kneifen und nach Hause in die warmen vier Wände? Eine heiße Dusche und einen Kaffee später befanden wir uns auf dem Weg: die Entscheidung war gefallen und wir wanderten los, durch Victorias größten Nationalpark, auf dem so genannten Great Prom Walk. Durch Regenwald, hoch und runter, bis wir zur Mittagspause nach einem langen Bretterweg auf einmal wie Robinson Crusoe in der Sealers Cove ankamen. Der Himmel riss auf und die Sonne begann zu scheinen. Wir mussten unsere Augen vor der Sonne und dem weißen Strand nach dem dunklen Regenwald ein wenig schützen. Ich kam mir vor, wie im Paradies. Schnell die Rucksäcke ab und die Vorräte um einige Peanutbuttersandwiches bei dieser tollen Aussicht erleichtert. Troy blies zu baldigem Aufbruch und wehrte unsere Fragerei nach der verbleibenden Länge der Strecke mit Witzchen ueber sein eingebautes Navigationsgeraet ab. (Der Arme, hat er ganz gut gemeistert, als Hahn im Korb mit jammernden Mädels…) Weiter

gings, von einem Strand zum nächsten: war man unten am kühlen Nass angekommen, konnte man sich sicher sein, es am anderen Ende wieder hochlaufen zu müssen. So vergingen die Stunden, laufend, schwitzend, staunend ob dieser herrlichen Natur und mit Sicherheit der schönsten Strände, die ich bisher in Australien zu Gesicht bekommen habe. Gegen sieben Uhr abends erreichen wir leicht geplättet nach sieben Stunden Wanderung unseren Campingplatz an der Refuge Cove. Schnell noch ein paar Nudeln gekocht, Pesto sei gelobt, das Plumpsklo mit Wäscheklammernase überstanden und die Zähne im Bach geputzt. Dem Känguru gute Nacht gesagt und weggeknackt. Ratzepüüüüüüüh. Sehr gute Nachtruhe. Am nächsten Morgen stellten wir fest, dass unsere Wasservorräte zu Ende waren. Leider durfte man das Bachwasser nicht trinken, wie eigentlich geplant, so dass wir es im Nudel-Pesto-Topf abkochen mussten. Mir ist Zitronentee immer noch lieber als Geschmackrichtung, aber wenn man gar nichts mehr hat, trinkt man auch lauwarmes Pestowasser. Bergauf gings, immer wieder belohnt von paradiesichen Ausblicken bei strahlendem Sonnenschein und zwei Stunden später kamen wir am schönsten Strand der Welt an: Little Waterloo Bay. Niemand dort, außer uns, den Möwen und den Raben, die uns traditionsgemäß um einige Vorräte erleichterten. Was für eine Mittagspause! Troy nahm ein Bad im kristallklaren, türkisblauen Wasser. Ich wollte auch, aber es war kalt! *DaumenundZeigefingereinenhalbenmilimeterauseinanderzeig*

Außerdem: Man musste weiter. In strammem Tempo bogen wir leider von der herrlichen Küste ab, zurück ins Landesinnere. Nina und ich waren in der Zwischenzeit bei Grundsatzdiskussionen gelandet, den Weltschmerz und kaputte Waden betreffend. Endlich kamen wir zur grossen Weggabelung, an der sich viele Wege nach Rom treffen. Dort machten wir bei mittlerweile heißem Pestowasser die Entdeckung, dass Tidal River noch 11,4 km entfernt war. Waaaaaas? Schnell weiter. Durch tiefen Sand erreichten wir Oberon Bay auf der anderen Seite des Parks (Westen) und stiefelten ein wenig mutlos bei sengender Sonne ueber den kilometerlangen Strand. Steffis Blasen platzten, meine Hüftknochen scheuerten sich unter dem Rucksack auf und Nina’s Taschentuchverbrauch erreichte ungekannte Dimensionen. Selbst der fitte Troy war leicht lädiert und fertig mit der Welt.
Nochmal Pause und die Albatrosse beobachtet, die lustige Turnübungen vor unseren Augen veranstalteten. Die letzte Etappe rief. Nochmal bergauf, um noch eine Landzunge, hoch, runter, Kängurus im Busch (und der Wunsch, ihnen einfach den Rucksack aufzusetzen und einen Klaps zu geben), hoch, Stolpersteine und endlich Norman Bay in Sicht, mit dem Tidal River Camping Platz dahinter. Die letzten zwei Kilometer mit dem Ziel vor Augen waren laaaaang; ich dachte, ich muss umfallen. Ich wäre gerne in die Fluten gesprungen, aber mein

Durst war größer. Also schleppten wir uns zum nächsten Schlauch am Camping Platz und hängten uns darunter. Ich glaube nicht, dass ich in meinem Leben schonmal solchen Durst hatte, unglaublich! Völlig platt und leider mit Sonnenbrand schauten wir den Bewohnern von Tidal River beim Barbecue zu, unfähig, uns zu rühren. Nach einer halben Stunde schweigendem Keksverzehr verluden wir ächzend unsere Rucksäcke in das Auto und sagten dem einzigartigen Wilsons Prom gute Nacht. Es war wieder 19:00 Uhr geworden. Nach 40km wandern in der Wildnis lechzten wir alle nach Erfrischung, die wir dann in Leongatha am Weg nach Melbourne endlich fanden. In Form von Riesen-Pizzas und frisch gezapften Bieren. Cheers! Am nächsten Morgen erwachte ich um Jahre gealtert. Aua, meine Schultern, aua, meine Hüften, aua, meine Knie... wie gut, dass ich ohnehin schon einen Termin beim Chiropraktiker vereinbart hatte. Der hat mich wieder hingebogen, alter Knochenbrecher.
Was für ein unglaublich schönes Wochenende. Meine erste Wander-Camping-Erfahrung in Australien – unvergesslich, schön, wild und sportlich. Solche Strände muss mir Queensland nächstes Wochenende erstmal bieten.
Es bleibt die Lust nach mehr, oder kann ich dieses Land verlassen, ohne seinen südlichsten Punkt mit Leuchtturm zu Gesicht bekommen zu haben?
Sonnenverbrannte Grüße aus Melbourne von Eurer Änk.
PS: Ein Fotoalbum folgt. Nun hat es sich nämlich gerade von 32 Grad auf laue 26 abgekühlt und es ist Zeit, das Bett zu besuchen. Gute Nacht.
3 Kommentare:
Huiii, Aenkieeeee. Das klingt ja echt toll. Ich wuerde sagen wir brauchen langsam eine unabhaengige Jury, die entscheidet wer die besseren Ausfluege hinter sich hat;-) Und deinen Vorschlag ein zweites Infojahr dranzuhaengen finde ich immer besser. Oder... du uebernimstmein Job und ich deinen;-)
Also weiter so im Osten!!!
Gruessle
Der Ranger
Sehr cooler Bericht und geniale Bilder! Scheint zu schocken da unten.
In diesem Sinne: weiter so!
Beste Grüße (gerade aus Deutschland),
Peter :-)
Hey Anke,
Klasse Bericht. Soooo schade, dass wir nicht mal gutes Schuhwerk dabei hatten....den Wilson Prom werden wir auf jeden Fall machen :-) Danke fuers ausprobieren!!
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